Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft: Im thüringischen Hildburghausen dominiert die rechte Szene hinter der Fassade der Normalität.
Seit einigen Tagen geht ein Witz um, über den Beatrix Meißner nicht lachen kann, und der geht so: In Mügeln sagt die Mutter zum Vater vor dem Schlafengehen: "Ich geh noch schnell ins Kinderzimmer - nach dem Rechten sehen." Denn Beatrix Meißner ist stolz auf ihren Sohn, sie schaut zu ihm auf. Vor ein paar Jahren noch hat sie PDS gewählt, wegen des "S". Und weil es ihr "sozial" vor der Wende besser gegangen ist als alleinerziehende Mutter. "Heute leben wir doch in einer Ellenbogengesellschaft", in der sie stundenweise die Kartons in einem Supermarkt auspacken muss. Der Rest ist Hartz IV.
Aber seit ihr Tommy in der NPD ist, wächst das Selbstbewusstsein. Nun traut sie sich, ihrer sozialistisch geprägten Ansicht das Adverb "national" voranzuschicken. "Mir stimmen viele Leute zu und sagen, dass doch jeder ein bisschen rechts ist." Heute packt sie manchmal die Kartons mit dem Propagandamaterial der NPD aus. Und die wirbt offen für den nationalen Sozialismus, an den auch Frau Meißner glaubt. Als seien die Zeiten endgültig vorbei, in denen man seine Sympathie für das NS-Regime verstecken musste. Schließlich sagt die kleine Frau Meißner, dass die Regierung in Berlin "nichts für den kleinen Mann" tut.
Inzwischen ist ihr Tommy Kreisvorsitzender der NPD und so etwas wie der Motor der wachsenden rechten Jugendszene in Hildburghausen am schönen Werra-Radweg in Thüringen, wo im Sommer die Touristen über den Marktplatz radeln; einige halten an, um sich unter den Sonnenschirmen vor dem Eiscafé "Firenze" zu entspannen. Von seiner Wohnung im dritten Stock über dem Marktplatz kann Tommy dann die Touristen zählen. Und er ärgert sich, dass sie nicht gegenüber im deutschen Stadtcafé sitzen, sondern beim Italiener, der "hier nichts zu suchen hat".
Deshalb piesacken seine Leute den Italiener. Mal wird nachts bei der jungen Familie geklingelt, mal die Front des Cafés mit ausländerfeindlichen NPD-Parolen zugeklebt. Ein anderes Mal verteilen Jugendliche die Inneneinrichtung eines benachbarten italienischen Restaurants auf dem Parkplatz hinter dem Markt und trampeln darauf herum. Tommy hat auch schon mal einem kubanischen Jugendlichen eine Flasche über den Kopf gezogen, das Amtsgericht hatte ihn damals der schweren Körperverletzung schuldig gesprochen. "Das war Notwehr", sagt der Neonazi. In der Opferrolle fühlt er sich wohl. Täter sind immer die anderen: der Staat, das System, die Kapitalisten, die Juden, die Ausländer, die Medien - oder alle auf einmal.
"Schreiben Sie doch mal auf, dass die Rechten keine Glatzen mehr sind, mit Springerstiefeln und so 'n Zeug", sagt Tommy abends beim Weizenbier am NPD-Stammtisch in der Jugendkneipe "XXL", wo sich an den anderen Tischen die übrige Jugend nach Paris Hilton sehnt, die auf der Mattscheibe in der Ecke im neonfarbenen Minikleid mit einer Mistforke hantiert. Kein Problem: Denn Glatzen mit Springerstiefeln gibt es hier nicht.
Das Klischee verfängt nicht mehr, auf den ersten Blick sind die Neonazis oft nicht zu erkennen. Auch nicht der durchtrainierte Alex, der schon mal zu Hause in Militärhosen und mit nacktem Oberkörper vor der Hakenkreuzfahne an der Kinderzimmerwand posiert, "weil das für mich ein starkes Symbol für Deutschland ist". Nicht der langhaarige Oliver aus der Schnittmenge zwischen Heavy-Metal-Fans und Neonazis, der an "Odin statt Jesus" glaubt, nicht der stumme René, der sich mit Tommy die Wohnung am Marktplatz teilt, auch nicht die wasserstoffblondierte Christina mit den Hakenkreuzen auf zwei Fingerringen, an der rechten und der linken Hand, und auch nicht die hübsche Mandy mit dem Gesicht wie aus Meissener Porzellan modelliert, die zwar reichlich Verehrer, aber "keinen Bock" auf einen hat, der nicht rechts ist. Vielleicht wird was aus ihr und Tommy. Jedenfalls ruft der sie ständig an und fragt, was sie macht und mit wem sie rumhängt.
Nach dem Fototermin mit Mandy am nächsten Tag fällt dieser ein, dass "der Tommy die Bilder gerne sehen will". Er will auch wissen, worüber die Mandy so gesprochen hat. Und mit wem man sonst noch so geredet hat. Tommy hat die volle Kontrolle, zumindest über seine eigenen Leute, die - so scheint es - ständig mehr werden. "Wir expandieren" sagt er grinsend und stellt Karolin vor. Die Neunzehnjährige trollt in der ledernen Weste der "Motorradfahrgemeinschaft Hildburghausen" über den Marktplatz vor der Neonazi-WG. Tommys Wohnung ist der Szenetreffpunkt. Karos Vater trägt die gleiche Weste und grüßt über den Platz. Um den Hals ein PLO-Tuch, auf dem Kopf ein Barett aus schwarzem Filz, an das das Imitat eines Eisernen Kreuzes angeheftet ist.
"Ich habe nichts dagegen, dass sie mit dieser Clique rumrennt. Schließlich ist unsere ganze Familie rechts angehaucht." Und dann kommt die Leier vom vernünftigen Sozialstaat der DDR, davon, dass es der Jugend damals besserging, vom kleinen Mann, von den kriminellen Ausländern, von den Juden in Jerusalem, "die Deutschland erpressen tun", und von der Perspektivlosigkeit im Allgemeinen, die "wohl auch die NPD nicht lösen kann, aber die noch am allermeisten".
Karo steht daneben, mit dem Baby ihrer Schwester auf dem Arm, und nickt zustimmend. Und dann sagt der Vater, der sich selbst den Namen "Ossi" gibt, über Tommy: "Meinen Segen hat er", und zeigt auf dessen Wohnung, in der statt Gardinen zwei Reichskriegsfahnen in den Fenstern hängen. Irgendwann sagt er: "Ich fahre jeden Tag hundertzehn Kilometer, zur Arbeit und zurück. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Das geht so nicht weiter."
Dabei sieht Hildburghausen nach Lebensqualität aus; saubere Luft, der Ort liegt am grünen Saum der sanften Berge, die hier schon fränkisch sind. Morgens klingt das Läuten der Kirchenglocken durch die sanierten Gassen im Stadtkern. Vor den Bungalows am Stadtrand stehen neue Autos; es gibt eine hochmoderne Bücherei im alten Rathaus und ein gepflegtes Schwimmbad mit Eintrittspreisen, die niedriger sind als dort, wo die Arbeitslosigkeit höher ist. Hildburghausen hat prozentual deutlich weniger Menschen ohne Arbeit als Recklinghausen, als Kassel oder Bremen. Bayern und seine Westtarife liegen eine knappe halbe Stunde hinterm Ortsausgang.
Aber niemand in Hildburghausen redet darüber, dass die Werra einst Wasser in der Farbe von Muckefuck durch die Landschaft schleppte, nicht über Diktatur oder die Staatssicherheit. Das ist verdrängt. Die Jugend, die in der DDR geboren wurde, sie aber nicht erlebt hat, eint der unbegründete Hass auf Ausländer, der übertragen wird von Eltern, die in der DDR keine Ausländer erlebt haben. Und selbst heute gibt es sie hier kaum. Denn außer den Italienern vom Marktplatz, die niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen und für eine Attraktion im Ort sorgen, gibt es hier nicht viele Menschen mit einem anderen Pass als dem deutschen.
Auch nicht in der nagelneuen Berufsschule unten am Schlosspark, die in der linken Szene das "Nazinest" heißt. Immerhin sind die Bemühungen gegen die braune Mentalität hier plakativ. Neuerdings gibt es eine Schulordnung, die das Tragen "verfassungsfeindlicher Kennzeichen und Symbole" untersagt. Man gibt sich betont neutral. Der Landrat war früher selbst Lehrer der Kreis-Berufsschule. Vor ein paar Monaten hat Gabriel Landgraf, ein Berliner Aussteiger aus der Neonazi-Szene, hier einen Vortrag über Rechtsextremismus gehalten: "Die Jungs haben mir dabei eine regelrechte Modenschau einschlägiger rechter Kleidung vorgeführt", erinnert er sich. Von kritischer Auseinandersetzung keine Spur. "Die meisten sind bei meinem Vortrag fast eingeschlafen."
Auch deswegen macht die junge Lehrerin Sonja Florschütz einen etwas genervten Eindruck. Die Haltung der meisten Schüler hier dürfte die Sozialkundelehrerin frustrieren. Aber wegen ihres Engagements für die Schüler wird sie selbst in Tommys rechter Clique geschätzt. "Manchmal ist sie allerdings schlecht drauf." Vor allem, wenn Christina mit der fetten "88" auf ihrem T-Shirt in der Schule erscheint, dem Code für "Heil Hitler" mit dem achten Buchstaben des Alphabets. Die Lehrerin fordert sie dann auf, das T-Shirt auf links zu drehen.
Christina sagt trotzig: "Ich mach das nicht, egal, was mir die Lehrer sagen." Ein kleiner Märtyrer wäre sie wohl gerne. So wie Tommy, dem diese Rolle sichtlich Spaß macht: Alles fing damit an, dass er vor einigen Jahren aus dem Gewichtheberverein austreten musste wegen rassistischer Sprüche, vereinsschädigenden Verhaltens also. Als Maurerlehrling ging es ihm ebenso, auch bei einem Job im Supermarkt. Selbst die Bundeswehr nahm Abstand von ihm, als sie von seiner NS-Ideologie erfuhr. Inzwischen ist er einundzwanzig Jahre alt und gilt bei der örtlichen Arbeitsagentur inoffiziell als "unvermittelbar". Immer wieder berichtet die Lokalzeitung, das "Freie Wort", über seine politischen Aktivitäten. Er wird beobachtet und kritisch beäugt.
Für die Jugendlichen hier, denen es selbst an Haltung fehlt, ist er fast schon ein Held, der "sich nicht verbiegen lässt". Einige der rechten Jugendlichen sagen, ihre Eltern ließen sie gewähren, solange sie nicht in der Zeitung stehen - so wie Tommy. Und die wackere Frau Florschütz stellt fest, dass sich in der Szene mehr Mitläufer tummeln als Ideologen: "Das sind meistens diejenigen, deren schulische Karriere nicht von Erfolg geprägt ist."
Christina ist neunzehn und hat an der Berufsschule ein Jahr lang "Hauswirtschafterin" gelernt. Das Wort spricht sie zögerlich aus, als ob es ihr unangenehm ist. Sie redet lieber über ihre "politischen Aktivitäten". Über Flugblattaktionen im Dunkeln. Und darüber, dass es nichts bringt, nur herumzusitzen. "Denn das System macht sonst schließlich mit uns, was es will." Rechts ist sie seit sieben Jahren. "Über meinen besten Freund, der war auch rechts."
Auch dafür findet Frau Florschütz eine Erklärung: "Viele von denen bekommen keine Anerkennung, auch nicht im Elternhaus. Und dann kommt plötzlich einer, der ihnen das Gefühlt gibt, wichtig zu sein, sie werden Teil einer Gruppe und fühlen sich stark." Tommy ist so einer. Das weiß er, und das wissen diejenigen, die sich darüber den Kopf zerbrechen. Inzwischen gibt es in Hildburghausen ein "Bürgerforum gegen Rechts". Immerhin erkennt man hier also an, dass es ein Problem mit Neonazis gibt. Im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden in Ostdeutschland ist das ein großer Fortschritt. Mathias Günther, Aktivist der Linkspartei und im Bürgerforum, erkennt in Tommy den klassischen Rattenfänger. "Er hat erkannt, dass die Jugendarbeit hier zu kurz kommt, und stößt in das Vakuum. So einfach ist das." Günther sieht ihn als Aufbauarbeiter für "neonationalsozialistische Strukturen".
In der Tat: Der Draht zur obersten Ebene der NPD ist ein ganz direkter. Regelmäßig stimmt Tommy sich mit dem thüringischen Landesvorsitzenden Frank Schwerdt ab, der den Vorhalt, Tommy sei sein politischer Ziehsohn, nicht negiert. "Ich habe aber viele Ziehsöhne", sagt Schwerdt süffisant. Wenn Tommy Ärger mit den Behörden hat, verschickt der Ziehvater böse Briefe, in denen er mit "rechtlichen Konsequenzen" droht. Regelmäßig reist der Berliner Schwerdt nach Hildburghausen. Neulich hat er seinem Zögling geholfen, einen eigenen Fußballverein zu gründen, den SV Germania Hildburghausen. Was für die Jugendlichen in der Stadt ein Freizeitjux ist, ein bisschen kicken, mit Gleichgesinnten auf der Wiese, mit Bratwürstchenduft und Cola, ist für die NPD eine kalkulierte Strategie auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Und Tommy ist der Mann vor Ort. Er setzt die Strategie um. Auf dem Bolzplatz oberhalb vom Schwimmbad kommen sie einmal wöchentlich zusammen. Und es wundert nicht, dass Tommy der Einzige ist, dem hier nicht ständig der Ball verspringt. Fußballspielen können diese Jugendlichen nicht. Dafür wird viel gelacht. Hier ist man unter sich.
Ein paar Straßen weiter wird auch Fußball gespielt. Hinter dem ehemaligen Pionierhaus, dem Jugendzentrum der Stadt. An manchen Tagen spielt Heike Mitzenheim sogar mit. Aber Tommys Clique taucht hier nicht auf. Die sportliche Frau hat sich schon zu DDR-Zeiten um die Jugend in Hildburghausen gekümmert. Auch die rechten Jugendlichen kennt sie: "Das sind alles welche, die einen schwachen Charakter haben, die in der Masse untergehen." Mit am Tisch in der Kaffeeküche des Jugendzentrums sitzt eine Frau, die immer wieder verschämt auf ihre Finger schaut und schweigt. Nach einer Weile sagt Frau Mitzenheim: "Mein Neffe ist auch so ein Rechter. Er prügelt sich oft." Und dann nickt sie der schweigenden Frau zu, die hier als Ein-Euro-Jobber arbeitet, und sagt: "Sie hat das Problem ja auch in der eigenen Familie."
Die Frau zögert. Doch dann erzählt sie von ihrem Sohn. Nicht viel, nur dass "der auch mal rechts war" und Tommy kennt. "Der organisiert richtig was für die Jugendlichen, zum Beispiel Ausflüge, Zeltlager und so." Zwei Mannschaftszelte habe er angeschafft, berichtet Tommy später. Davon sind alle begeistert außer der hübschen Mandy. Ab und an ziehen sie gemeinsam los, gerade in den Ferien. Dann werden die Zelte aufgebaut und gegrillt. Nicht auf einem Campingplatz. Da hätten sie gar nicht ihre Ruhe. "Mehr so privat", sagt Tommy. Auf den Grundstücken von "national Gesinnten, die uns unterstützen".
Von den "Unterstützern" gibt es einige. Dazu gehört auch der Deutsche Jugendbund Hildburghausen. Ein Verein, dem vor Jahren die Mitgliedschaft im Kreisjugendring versagt blieb, weil er ausdrücklich nur deutsche Jugendliche aufnehmen wollte. Das finden viele hier gut, Tommy sowieso, auch Alex und Christina. Die Mitglieder des Jugendrings tragen Uniformhemden und waren gerade erst mit dem Fahrrad auf einer "Sommergroßfahrt an der Ostseeküste" unterwegs. Aus der Satzung des Vereins atmet ein völkischer Geist, immerhin auch der Hinweis auf das Grundgesetz. Zum Umfeld des Jugendrings gehört auch der Saal im ehemaligen "Sächsischen Hof" am Bahnhof. Den nutzt die NPD für Versammlungen, auch schon mal für ein Rechts-Rock-Konzert. Seit ein paar Monaten gibt es an der wichtigsten Kreuzung der Stadt einen Modeladen, der die bei rechten Jugendlichen beliebte Marke "Thor Steinar" verkauft, ein Erkennungszeichen der Szene, die sich auch hier gelegentlich trifft. "Natürlich steckt eine politische Aussage hinter dieser Kleidung", sagt der junge Inhaber, ein Freund von Mandy. "Meinem Vermieter ist das aber egal."
Etwas oberhalb der Stadt, am Waldrand neben der Kleingartenanlage, trifft sich der Nachwuchs der Szene. Halbwüchsige stehen in "Thor Steinar"-Klamotten herum, rauchen und angeln an einem künstlich angelegten Teich. Christina nennt sie "unsere Nachzügler" und erinnert daran, dass "jeder mal klein angefangen hat". Die rechte Szene hat ihre eigene Hierarchie, und Tommy ist der Chef. Wer mitmachen will, muss sich unterordnen. Mathias Günther beobachtet das mit Unbehagen: "Sein Ansehen mündet unter den jungen Leute geradezu in Euphorie. Ab einem Alter von zehn Jahren aufwärts strömen sie zu ihm und fragen: Was macht ihr Neues? Er versteht es einfach, sich in Hildburghausen einen festen Anhang zu schaffen."
Unterdessen spielt Tommy mit dem Gedanken, für die Bürgermeisterwahl im März zu kandidieren. "Eine Mehrheit würde ich wohl nicht kriegen, aber es würde reichen, um den Bürgermeister von der PDS zu ärgern." Dann macht er eine Pause, verschränkt die Arme und sagt: "Leider dürfen viele von uns nicht wählen." Noch nicht.
OLAF SUNDERMEYER
Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung am 1. September 2007, Aufmacher Feuilleton