An entspannten Tagen hat der entspannte Herr Walter ein paar Sekunden Zeit für seinen Büroschlaf. Dann lehnt er sich im Arbeitssessel seines großen Büros im Rathaus von Frankfurt/Oder zurück, legt die Füße auf den Schreibtisch und schließt die Augen - aber seinen Schlüsselbund behält er in der Hand.
„Wenn sich die Hand öffnet und der Schlüssel fällt, bin ich wieder hellwach“, sagt Heinz Dieter Walter, 62, der als Pressesprecher der brandenburgischen Stadt an der Grenze zu Polen nur wenig Entspannung hat und gerade jetzt, in diesen Tagen, hellwach sein muß. Denn in Frankfurt/Oder passieren schreckliche Dinge. So wie die Geschichte der neununddreißg Jahre alten Mutter, die im Verdacht steht, im Hof ihres Elternhauses die Leichen ihrer neun neugeborenen Kinder versteckt zu haben: in alten Farbeimern und Blumenkästen, mit Muttererde bedeckt. Wenn sie sich überhaupt an die Geburten erinnert, dann war es im Suff. In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren Fall.
Und auch Pressesprecher Walter findet weder einen Vergleich noch Worte, aber die muß er dann immer parat haben: für die heimische „Märkische Oderzeitung“ und den Rundfunk Berlin-Brandenburg, die ihm an den entspannten Tagen ebenfalls zuhören, aber auch für die ganze Hauptstadtjournalistenmeute, die wieder als Karawane den Weg nach Osten gefunden hat. Walter spricht zum Ellbogenkameramann von Pro Sieben, zum rasenden Reporter von „Spiegel Online“, zu den Krawattenjournalisten der überregionalen Zeitungen und zur „Bild“-Zeitungsschar, die in zweistelliger Mannschaftsstärke gerade die Stadt umpflügt. Fünfzig Presseanfragen täglich.
Mittlerweile kennen die Journalisten seine Handynummer und den Weg in die Nachrichtenoase an der Oder: Im Sommer 1999 läßt eine Mutter im Problemstadtteil Neuberesinchen ihre zwei Kinder verdursten. (Der Bayerische Rundfunk dreht vier Jahre später einen Dokumentarfilm, der in den Kinos läuft, „Die Kinder sind tot“.) Drei Jahre später kommt es zum „Potzlow-Mord“, der am Landgericht verhandelt wird: Drei junge Männer foltern einen Sechzehnjährigen zu Tode und ertränken ihn in einer Jauchegrube. Das Drama lief in den vergangenen Wochen über die Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theaters („Der Kick“). Und immer wieder laufen vergleichslose Härtefälle aus dem Schwursaal der Frankfurter Strafkammer bei den Presseagenturen unter der Ortsmarke Frankfurt/Oder auf.
Im Sommer 2003 gibt es Tote in einem von der Stadt gebauten Krankenhaus: Legionellen! Probleme mit dem Abwasser. Ein paar Monate später setzt die Politik eine geplante Chipfabrik in den märkischen Sand, die zuvor als Leuchtturm mit 1500 Arbeitsplätzen angekündigt worden war. (Walter: „Zum Glück haben wir keine bestehenden Arbeitsplätze zerstört, nur Hoffnungen.“) Außerdem laufen immer wieder Nachrichten von rassistischen Übergriffen aus der rechten Szene, die ebenfalls das Drehbuch zu einem Kinofilm inspirieren („Kombat Sechzehn“ von Mirko Borscht). Und zuletzt wurden drei junge Männer aus dem rechten Milieu zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie einen Mann während eines perversen Gewaltexzesses fast zu Tode gefoltert hätten.
Heinz Dieter Walter kennt alle Fälle und alle Filme - findet auch darin ein Alleinstellungsmerkmal: „Kennen Sie eine Stadt dieser Größe, in der in den letzten Jahren fünf Kinofilme gespielt haben (außerdem: „Halbe Treppe“, „Lichter“, „No Exit“)? Walter kennt die Antwort und punktet, auch wenn bei den meisten Frankfurt-Premieren Buhrufe zu hören waren.
Die Stadt liefert Futter für den Boulevard und Nachdenkliches für „Die Zeit“, die den langen Versuch unternimmt, das Rätsel zu lösen, warum die menschlichen Abgründe gerade hier so drastisch ihre Fratze zeigen. Die Antwort steht in der Überschrift: „Die Wut der Unterschicht“. Aber die gibt es ja nicht bloß in Frankfurt/Oder. „Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt“, sagt der Pressesprecher nicht überrascht, sondern mit starrer, fast glaubwürdiger Miene, die er immer aufsetzt, wenn er ein Mikrofon vor der Nase hat. Aber weil alle anderen sich diese Frage stellen, stellt er sich am dritten Tag im Fall der „Baby-Killerin“ („Bild“) vor das schmucke Rathaus in Backsteingotik vor eine Sat.1-Kamera und vor das Jugendamt seiner Stadt, dem für den Geschmack des pressescheuen Amtsleiters im Augenblick zu viele Fragen gestellt werden. „So ist das eben“, sagt Walter, „auch in solchen Zeiten müssen Sie einen professionellen Job machen.“ Ganz trocken, wie ein Münsterländer, der im Sauerland das journalistische Handwerk gelernt hat, eben so redet.
„Lüdenscheider Nachrichten“. Später dann „Rheinische Post“, „Badisches Tagblatt“ und „Lausitzer Rundschau“. Zwischendurch Pressesprecher von Mönchengladbach und Baden-Baden, wo zu Walters Zeiten vielleicht mehr Jetons über den Spieltisch gingen, als Frankfurt/Oder Zahlen in seinem defizitären Haushalt stehen hat. Baden-Baden und Frankfurt/Oder - gegensätzlichere Stadtprofile lassen sich wohl nicht denken.
Aber für Walter ist der Job immer der gleiche („Ich muß doch eine Stadt nicht lieben, zuviel Nähe ist nicht gut im Job“), Professionalität ist gefragt. Und es helfen die Kontakte aus einem langen Journalistenleben - „Netzwerk, manche nennen es Seilschaften“, sagt Walter. Seit drei Jahren arbeitet er in Frankfurt, ganz eng an der Seite von Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU). Bei der am Dienstag live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz zu den mutmaßlichen Babymorden saß er rechts an Patzelts Seite. „Er vertraut mir, ich vertraue ihm“, sagt Walter, der Journalisten gegenüber gerne Sätze in einer scheinbaren Beiläufigkeit verliert wie Kommissar Columbo seine letzte Frage. Aber das ist dann der entscheidende Tip - ohne Quellenangabe. Walter kennt das Geschäft und hält die Meute in Bewegung.
Er selbst bewegt sich immer in der Nähe von Patzelt, und wenn er ihn bei einer Veranstaltung aus den Augen verliert, fragt er: „Wo ist mein OB?“ Walter war schon CDU-Mitglied, als in der DDR noch behauptet wurde, daß „niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen“. Heute verkauft er gute Nachrichten aus der Nachwendetristesse. 64.000 Menschen leben heute noch in der einstigen Bezirkshauptstadt, es werden jährlich fast zweitausend weniger. Die Alten bleiben.
Walter kann es nicht ändern, auch nicht „mein OB“, also pflegt er den Osteuphemismus: Der Abriß ganzer Wohnblöcke geht ihm regelmäßig als „Rückbau“ über die Lippen, der „schöne große Grünflächen erkennen läßt“, und wenn die Stadt an einem Pleiteunternehmen beteiligt ist, wird stets mit „Interessenten verhandelt“. Er versucht die besondere Nähe zu Polen als Standortfaktor zu vermitteln und stößt dabei auf die Vorurteile der Frankfurter, bei denen allerdings städtische Feste gut ankommen. „Brot und Spiele“, aber keine Thema für die Journalistenmeute.
Hoffnung bringt einzig die deutsch-polnische Europa-Universität Viadrina, deren Präsidentin „der beste Werbeträger ist, den wir uns vorstellen können“, sagt der Pressesprecher über Gesine Schwan, die im vergangenen Jahr als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten die Stadt ausnahmsweise positiv besetzen konnte. Sie holt den Kanzler in die Stadt, den polnischen Staatspräsidenten und vornehme Herren, die Geld für eine Stiftungsuniversität nach Frankfurt bringen sollen. Aber Schwan verkündet ihre guten Nachrichten am liebsten selbst. Wenn sie dann wieder mal eine hat, kann Heinz Dieter Walter sich entspannen. Bis zur nächsten Polizeimeldung.
Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. August 2005, Feuilleton