Nur wenige Tage bevor «Deutschlands dümmste Bank» auf dem medialen Boulevard verspottet wird, steht Ostap Protsyk auf einer Wiese am Stadtrand von Lemberg und redet von der Zuversicht, die ihn erfüllt, wenn es um die Finanzierung des künftigen EM-Stadions geht. «Wo wir hier stehen, können in vier Jahren Mannschaften aus ganz Europa spielen», sagt der Büroleiter des Bürgermeisters. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau aus Frankfurt nährt hier, in der westlichen Ukraine, die Hoffnung auf fehlendes Kapital. Dabei steckt die Bank selbst in einer Krise, seit sie der bereits insolventen Lehmann Brothers noch 300 Millionen Euro überwiesen hat.
Über Protsyks Kopf durchschneidet ein Jet der «Wizzair» im Steigflug den blauen Himmel. Der ungarische Billigflieger soll helfen, das riesige Verkehrsproblem zu lösen. Oleksandr Sahrewa schwelgt in Visionen. Der Lemberger Flughafendirektor steht auf dem sowjetischen Beton seines Rollfeldes und redet über eine verlängerte Landebahn und ein zusätzliches Terminal. «Auf ihrer Reise haben die Uefa-Inspektoren auch unseren Flughafen besucht. Unser Programm zum Flughafenausbau genügte ihren Ansprüchen.» 200 Millionen Euro würde das kosten. Doch das Geld ist nicht da.
Weil Uefa-Präsident Michel Platini allmählich von Zweifeln an den beiden Austragungsländern erfüllt wurde, unternahm er im Juli selbst eine Kontrollfahrt nach Warschau und Kiew. Neben den Stadien und dem Verkehr treibt die Uefa die Korruption um – und das Thema Sicherheit. Beide Länder haben ein massives Hooligan-Problem. Nach dem Lokalderby in Warschau zwischen Polonia und Legia vor drei Wochen verhaftete die Polizei 741 mutmassliche Randalierer, die sich in der Altstadt eine Strassenschlacht geliefert hatten. Fast alle sind längst wieder auf freiem Fuss. «Was uns fehlt, sind andere Gesetze», lässt das Justizministerium verlauten. Auch eine sogenannte Hooligan-Datei nach westeuropäischem Vorbild, wo auffällige Fussballrowdys zentral erfasst werden, gibt es nicht. «Wir haben nur die Daten bereits verurteilter Gewalttäter», heisst es.
Im Hausflur des polnischen Fussballverbandes (PZPN) blättert der Putz von den Wänden. Präsident Michal Listkiewicz wünscht sich vor allem mehr Zeit. «Wenn die EM erst 2016 stattfinden würde, hätten wir überhaupt kein Problem.» Listkiewicz hatte – wie sein ukrainischer Amtskollege Grigori Surkis – Platini bei dessen Wahl zum Uefa-Präsidenten im Januar des vergangenen Jahres unterstützt. Drei Monate später fiel die Entscheidung zugunsten Polens und der Ukraine für 2012. Bei der Bekanntgabe in Cardiff tanzte Listkiewicz durch den Bankettsaal, umarmt vom damaligen polnischen Sportminister Tomasz Lipiec, der kurz darauf wegen einer Korruptionsaffäre verhaftet wurde. Er soll bei der Auftragsvergabe zum Bau von Sportstätten bestochen worden sein. Und dann ist da noch der Korruptionsskandal in den polnischen Ligen, in den Dutzende Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre verwickelt sind. Es geht um verkaufte Spiele.
Aber Listkiewicz sucht die Schuldigen für die Probleme mit der EM 2012 lieber woanders. «In Danzig etwa gibt es beim Stadionbau Schwierigkeiten mit den Kleingärten», erzählt er. Im Stadtteil Letnica klagen die Hobbygärtner auf Entschädigung für die Landenteignung samt Datscha. Aber Geld hat der Bürgermeister Pawel Adamowicz nicht, denn private Investoren gibt es für die «Baltic Arena» nicht. «Bis zum eigentlichen Stadionbau müssen wir noch Anleihen herausgeben, oder wir nehmen einen Kredit auf.» Rund 230 Millionen Euro soll das Projekt kosten.
«Das grösste Problem aber ist der Verkehr», fährt Listkiewicz fort. «Von Danzig nach Donezk sind es schliesslich über 1500 Kilometer. Das ist nicht wie in Österreich und der Schweiz, wo alles beieinander liegt.» Listkiewicz ist seit Platinis Kontrollfahrt längst dazu übergegangen, sämtliche Probleme zuzugeben statt zu dementieren. «Realistisch betrachtet werden wir bis 2012 keine guten Strassen haben.» Erst vor wenigen Tagen hat das Verkehrsministerium eingeräumt, dass es bis zur EM nichts wird mit dem Ausbau der A 4 in Richtung Ukraine.
Dort ist von Autobahnen erst gar nicht die Rede. Die Fahrt von Lemberg in die 500 Kilometer entfernte Hauptstadt Kiew dauert auf kaputten Landstrassen einen ganzen Tag. Wegen einer anhaltenden Regierungskrise ist die Verwaltung in der Ukraine gelähmt. Nur die Oligarchen könnten jetzt noch handeln. Der Verbandspräsident Surkis gehört selbst zu den Schwerreichen im Land, und Rinat Achmetow ist der mutmasslich Reichste unter ihnen. Ihm gehört der Champions-League-Klub Schachtjor Donezk, in dessen neuem Stadion ein EM-Halbfinal stattfinden soll.
Dagegen hat sich in Lemberg der örtliche Potentat in den Schmollwinkel zurückgezogen. Der Oligarch Piotr Deminski ist Eigentümer des Erstligaklubs Karpaty Lemberg. Eigentlich wollte er nun für ein paar Tage nach Salzburg fliegen, wo die Baufirma des geplanten Lemberger Stadions sitzt; auch ein Freundschaftsspiel zwischen Red Bull Salzburg und Karpaty wurde angekündigt. «Daraus ist aber nichts geworden», sagt Oleksandr Jefremow, Deminskis Fussball-Geschäftsführer, und erläutert sogleich die lokalen Machtverhältnisse: «Die Stadt wollte die Bedingungen des Klubs nicht akzeptieren. Aber vielleicht ändert sie in den nächsten Monaten ihre Haltung.» Es geht um ein paar attraktive städtische Grundstücke, die Deminski für sein Engagement um das EM-Stadion gerne hätte.
Und so scheint der polnische Verbandspräsident Listkiewicz grundsätzliche Zweifel am EM-Partner Ukraine zu haben. «Wenn es jetzt nicht gut läuft und die Uefa einen anderen Vorschlag hat, dann wäre es auch in Ordnung, wenn sie selbst eine andere Entscheidung trifft.»
Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 25. September 2008 [Artikel online]